Ukrainisch im Behördenalltag, Verständigung ohne Lücken.

10 July, 2026· Article by Maria Jones

Ukrainisch im Behördenalltag, Verständigung ohne Lücken

Seit 2022 leben in Deutschland, Österreich und der Schweiz Hunderttausende Menschen aus der Ukraine. Für Ausländerbehörden, Jobcenter, Schulen, Kliniken und Hilfsorganisationen ist die Kommunikation auf Ukrainisch damit vom Sonderfall zum Alltag geworden. Vieles wurde anfangs improvisiert, mit Übersetzungs-Apps, hilfsbereiten Nachbarn und Mitarbeitenden, die ein wenig Russisch sprechen.

Inzwischen ist klar, dass Improvisation auf Dauer nicht reicht. Wer verlässliche Entscheidungen treffen will, braucht verlässliche Verständigung.

Ukrainisch ist nicht Russisch

Ein häufiger Irrtum in Behörden lautet, dass russischsprachige Mitarbeitende das Problem schon lösen werden. Zwar verstehen viele Ukrainerinnen und Ukrainer Russisch, doch das ist keine Selbstverständlichkeit und für manche nach den Ereignissen der letzten Jahre auch eine emotional belastete Sprache.

Ukrainisch ist eine eigenständige ostslawische Sprache mit eigenem Wortschatz, eigener Grammatik und eigenen Buchstaben wie і, ї und є. Wer sich für Herkunft und Entwicklung interessiert, findet im Artikel zur ukrainischen Sprache einen fundierten Überblick. Für die Praxis heisst das: Wer Menschen in ihrer Muttersprache anspricht, baut schneller Vertrauen auf.

Wo professionelles Dolmetschen unverzichtbar ist

Nicht jedes Gespräch braucht einen Profi. Bei einer kurzen Terminvereinbarung genügt oft ein einfacher Austausch. Es gibt aber Situationen, in denen Fehler schwer wiegen:

  • Arztgespräche, Aufklärungen vor Eingriffen und psychotherapeutische Sitzungen.
  • Anhörungen und Beratungen zum Aufenthaltsrecht.
  • Gespräche mit dem Jugendamt oder in Kinderschutzfällen.
  • Elterngespräche zu Förderbedarf oder Schulwechsel.
  • Arbeitsrechtliche Fragen, Kündigungen und Arbeitsunfälle.

In diesen Fällen sollte ein qualifizierter dolmetscher ukrainisch deutsch eingesetzt werden, der neutral bleibt, vollständig überträgt und der Schweigepflicht unterliegt.

Laien und Angehörige als Notlösung

Gerade in den ersten Monaten haben oft Kinder für ihre Eltern übersetzt. Das ist nachvollziehbar, aber problematisch. Kinder geraten in Rollen, die sie überfordern, und hören Dinge, die nicht für sie bestimmt sind. Erwachsene Begleitpersonen wiederum filtern manchmal unbewusst, was sie weitergeben.

Auch ehrenamtliche Sprachmittler leisten viel, stossen aber an Grenzen, wenn Fachbegriffe aus Recht oder Medizin fallen. Eine Schulung in Grundregeln des Dolmetschens und klare Absprachen, wann ein Profi übernimmt, helfen allen Beteiligten.

Telefon- und Videodolmetschen als Ergänzung

Nicht jede Kommune hat Ukrainisch-Dolmetscher vor Ort. Telefon- und Videodolmetschen schliessen diese Lücke. Innerhalb weniger Minuten steht eine Fachkraft zur Verfügung, ohne Anfahrt und ohne lange Vorlaufzeit. Für kurze Beratungen ist das oft die effizienteste Lösung.

Wichtig ist eine ruhige Umgebung, ein gutes Mikrofon und die Bereitschaft, in kurzen Abschnitten zu sprechen. Bei schwierigen Gesprächen, etwa Diagnosen oder familiären Konflikten, bleibt der persönliche Einsatz vor Ort meist die bessere Wahl.

Schriftliche Unterlagen nicht vergessen

Neben dem gesprochenen Wort spielen Dokumente eine grosse Rolle. Geburtsurkunden, Heiratsurkunden, Zeugnisse, Diplome und Führerscheine müssen für Anträge oft beglaubigt übersetzt werden. Viele Behörden akzeptieren dafür nur Übersetzungen von öffentlich bestellten oder vereidigten Übersetzern.

Umgekehrt lohnt es sich, häufig genutzte Informationsblätter, Merkblätter und Formulare ins Ukrainische zu übertragen. Das spart Rückfragen, reduziert Fehler in Anträgen und entlastet die Sachbearbeitung spürbar.

Gute Gesprächsführung mit Dolmetschern

Einige einfache Regeln machen den Einsatz effektiver. Sprechen Sie die Person direkt an, nicht den Dolmetscher. Formulieren Sie kurze, klare Sätze und vermeiden Sie Behördenabkürzungen. Planen Sie mehr Zeit ein, ein gedolmetschtes Gespräch dauert etwa doppelt so lange. Und geben Sie dem Dolmetscher vor dem Termin eine kurze Einführung in das Thema.

Ein gut vorbereiteter Dolmetscher ist kein Kostenfaktor, sondern eine Abkürzung zu besseren Ergebnissen.

Kosten und Finanzierung

Die Finanzierung von Sprachmittlung ist je nach Bereich unterschiedlich geregelt. Im Gesundheitswesen, in der Jugendhilfe und im Bildungsbereich gibt es teils eigene Budgets oder Landesprogramme. Hilfsorganisationen können Dolmetschkosten häufig in Förderanträge einplanen. Es lohnt sich, diese Posten von Anfang an mitzudenken, statt sie im Einzelfall mühsam zu rechtfertigen.

Rahmenverträge mit einem Sprachdienstleister vereinfachen die Abrechnung und sorgen dafür, dass im Bedarfsfall schnell jemand verfügbar ist. Zudem lassen sich so Qualitätsstandards festlegen, etwa Qualifikation, Verschwiegenheit und Reaktionszeiten.

Qualität erkennen und sichern

Wie erkennt man einen guten Dolmetscher, wenn man die Sprache selbst nicht versteht? Ein paar Hinweise helfen. Professionelle Sprachmittler stellen sich zu Beginn vor, erklären ihre Rolle und sprechen in der Ich-Form. Sie fragen nach, wenn etwas unklar ist, statt zu raten. Und sie führen keine Nebengespräche mit der ukrainischsprachigen Person.

Fragen Sie Ihren Dienstleister nach Nachweisen über Ausbildung, Prüfungen oder Vereidigung. Bitten Sie nach einigen Einsätzen auch die Mitarbeitenden um eine kurze Rückmeldung. So entsteht mit der Zeit ein fester Pool von Fachkräften, auf die sich alle verlassen können.

Ein Wort zu Übersetzungs-Apps

Maschinelle Übersetzung hat sich stark verbessert und kann im Alltag nützlich sein, etwa um eine Wegbeschreibung oder eine einfache Frage zu klären. Für rechtlich oder medizinisch relevante Inhalte ist sie aber kein Ersatz. Apps erkennen keine Missverständnisse, stellen keine Rückfragen und übernehmen keine Verantwortung. Zudem werden sensible Daten unter Umständen an externe Server übermittelt, was mit dem Datenschutz in Behörden schwer vereinbar ist.

Ein sinnvoller Mittelweg besteht darin, Apps für einfache Alltagsfragen zu erlauben und klar festzulegen, ab wann ein Profi hinzugezogen wird.

Integration beginnt mit Verständigung

Deutschkurse sind der wichtigste Schlüssel zur Integration, doch Sprache lernt man nicht in wenigen Wochen. Bis dahin entscheidet eine gute Sprachmittlung darüber, ob Menschen ihre Rechte kennen, Termine wahrnehmen und medizinisch richtig versorgt werden.

Behörden und Organisationen, die professionelles Dolmetschen fest einplanen, arbeiten effizienter und fairer. Und sie zeigen den Menschen, die zu ihnen kommen, dass sie verstanden werden wollen.